Als ich mein jüngstes Projekt gestartet habe, erwartete ich, dass Google die wichtigste Quelle für organischen Suchtraffic werden würde. Ich erledigte die SEO-Arbeit, die ich für notwendig hielt, richtete Google Search Console ein und wartete.
Das Ergebnis sah anders aus. Bei Google blieb die Kurve fast flach: sehr wenige Impressionen und über einen langen Zeitraum nur etwa 300 Klicks. In Yandex Webmaster zeigte sich dagegen ein klarer Aufwärtstrend; zeitweise meldete das Dashboard einen Anstieg der Klicks um 500 %.
Dieser Unterschied war real. Meine erste Erklärung dafür war jedoch zu eindeutig.
Was ich wirklich bestätigen kann
Ich kann bestätigen, dass Yandex diesem Projekt bereits spürbaren Suchtraffic brachte, während Google deutlich weniger lieferte. Ich kann auch bestätigen, was die beiden Dashboards anzeigten. Aus diesen Kurven allein kann ich aber nicht beweisen, warum sich die Suchmaschinen unterschiedlich verhielten.
Es liegt nahe zu sagen: „Yandex crawlt und indexiert frische Inhalte schneller und belohnt sie, während Google neue Websites ignoriert.“ Damit werden mehrere getrennte Systeme zu einer Ursache zusammengezogen. Crawling ist nicht Indexierung. Indexierung ist nicht Ranking. Ranking ist nicht Traffic. Eine Suchmaschine kann eine URL crawlen, ohne sie zu indexieren; sie kann eine Seite indexieren, ohne sie für nützliche Suchanfragen sichtbar zu ranken; und Sichtbarkeit führt nicht automatisch zu Klicks.
Dasselbe gilt für Google. Eine ruhige Search-Console-Kurve sagt mir nicht automatisch, ob das Problem bei der URL-Entdeckung, beim Crawling, bei der Indexierung, bei der Relevanz, beim Ranking, bei der Nachfrage oder an anderer Stelle liegt. Das Dashboard zeigt das Ergebnis, nicht die Absicht des Algorithmus.
Warum 500 % Kontext brauchen
500 % klingt spektakulär, doch relative Werte können täuschen. Ein sehr hoher prozentualer Anstieg kann von einer kleinen Ausgangsbasis kommen. Ohne die absolute Zahl der Klicks dahinter sollte ich daraus weder ableiten, dass Yandex insgesamt sechsmal so viel Traffic wie Google erzeugt hat, noch dass Yandex für die Website generell „besser“ war.
Außerdem sind „rund 300 Google-Klicks über einen langen Zeitraum“ und „zuletzt +500 % Yandex-Klicks“ unterschiedliche Messgrößen. Für einen sauberen Vergleich brauche ich denselben Zeitraum und einen vergleichbaren Scope. Erst dann sollte ich absolute Klicks und Impressionen nebeneinanderstellen.
Wie ich den Unterschied heute untersuchen würde
Heute würde ich die Diagnose in einzelne Ebenen zerlegen:
- Gleicher Zeitraum: beide Suchmaschinen über identische Daten vergleichen.
- Absolute Werte zuerst: Klicks und Impressionen notieren; Wachstumsraten nur ergänzend nutzen.
- Crawling und Indexierung trennen: eine gecrawlte URL ist nicht automatisch suchfähig.
- Seiten und Suchanfragen prüfen: feststellen, ob wenige URLs den Unterschied erzeugen oder ob er die gesamte Website betrifft.
- Regionen und Geräte betrachten: die Nutzerbasis und die Nachfrage können sich zwischen den Suchmaschinen stark unterscheiden.
- Technischen Zugriff prüfen: robots.txt, Canonicals, Sitemaps, Serverantworten, interne Links und Rendering können eine Rolle spielen – aber nur mit Belegen als Ursache gelten.
- Änderungen protokollieren: wer viele SEO-Variablen gleichzeitig ändert, macht spätere Effekte schwer interpretierbar.
Wie sich mein Fazit geändert hat
Ich habe mich ehrlich darüber gefreut, dass Yandex dem Projekt früh Traffic gebracht hat. Daran hat sich nichts geändert. Geändert hat sich nur die Formulierung meines Schlusses.
Heute würde ich nicht mehr schreiben: „Yandex belohnt neue Inhalte, Google nicht.“ Die belastbare Aussage ist enger: Bei diesem Projekt wuchs die Suchperformance in Yandex in diesem Zeitraum deutlich schneller als in Google. Die Ursache ist damit nicht bewiesen.
Genau diese Einschränkung ist nützlich. Wenn ich die Kurve als Beweis für eine algorithmische Vorliebe lese, höre ich zu früh mit der Analyse auf. Als Beobachtung führt sie zu besseren Fragen: Sind dieselben Seiten indexiert? Erzeugen dieselben Queries Impressionen? Findet eine Suchmaschine URLs, die die andere nicht findet? Ist die Zielgruppe unterschiedlich? Ist der Abstand technisch, wettbewerbsbedingt oder einfach eine Frage der Nachfrage?
Meine wichtigste Lektion war deshalb nicht, dass eine Suchmaschine grundsätzlich freundlicher zu neuen Websites ist. Sie war, dass dasselbe Projekt in zwei Suchmaschinen völlig unterschiedlich aussehen kann und dass Dashboards diagnostische Daten liefern – keine fertige Erklärung.
Ein Graph zeigt mir, was passiert ist. Er erklärt mir nicht automatisch, warum.